Schües Fine Art Prize

Seit 2022 fördert die Kunststiftung Christa und Nikolaus Schües Studierende des Master of Fine Arts-Programms der Universität Haifa.

2025 Schües Art Prize Gewinner: Navot Gil mit Icarus und The Four Horsemen, David Engelman mit Almost Two Years at War

Navot Gil (6.v.l.), David Engelman (7.v.l.) neben Ehepaar Schües und Catharina Schuchmann.

2025 hat die Kunststiftung Christa und Nikolaus Schües 11.500 Euro für das »Schües Art Project« bereitgestellt, mit dem junge Künstlerinnen und Künstler der School of Art an der Universität Haifa gefördert werden. In diesem Jahr ist das Stifterehepaar, begleitet von seiner Tochter und heutigen Stiftungsvertreterin Catharina Schuchmann, gemeinsam mit einer Delegation des Deutschen Fördererkreises nach Haifa gereist.

Für die Gäste aus Deutschland haben die Studierenden eine kleine Ausstellung vorbereitet: Zu sehen sind jene Werke, die es in die engere Auswahl für den Preis geschafft haben. Neben dem sichtlich bewegten Navot Gil überzeugt auch ein Gemälde von David Engelman die Jury. Beide werden mit jeweils 5.000 Euro ausgezeichnet; der verbleibende Betrag wird unter den weiteren Teilnehmenden aufgeteilt. Die prämierten Arbeiten reisen direkt mit zurück nach Deutschland, wo sie die Schües-Sammlung um neue Positionen bereichern. »Eines Tages werden wir nicht mehr sein«, sagt Nikolaus W. Schües in Richtung der Studierenden. »Doch die Stiftung wird fortbestehen. Catharina wird ihre Arbeit weiterführen – und so bleiben wir euch verbunden. Kunst ist ein Dünger für das Leben!«

Navot Gil über sich: „Hallo, mein Name ist Navot Gil. Ich bin 53 Jahre alt, verheiratet und Vater eines autistischen Kindes. Einen bedeutenden Teil meines Lebens widmete ich dem Dienst als Infanteriesoldat in den Israelischen Verteidigungsstreitkräften, und ich engagiere mich in den Demonstrationen gegen den Versuch der israelischen Regierung, einen faschistischen Staatsstreich durchzuführen. Obwohl ich Absolvent der Bezalel Academy bin, meine Kunst öffentlich gezeigt und meine Skulpturen im öffentlichen Raum platziert habe, fiel es mir schwer, mich selbst als Künstler zu bezeichnen. Und obwohl ich vom Verteidigungsministerium als posttraumatisch behinderter Veteran diagnostiziert wurde und behandelt werde, fiel es mir ebenso schwer, mich als traumatisierten Kämpfer zu sehen. Der Prozess meiner Selbstakzeptanz als Künstler und der Prozess meiner Selbstakzeptanz als Mensch, der an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, haben in den vergangenen zweieinhalb Jahren gleichzeitig stattgefunden. Meine Zeichnungen sind ein Versuch, meine eigene Selbstdefinition zu verarbeiten. In diesen zweieinhalb Jahren habe ich vorsichtig und systematisch auf fragilem Papier mit feinen Stiftengezeichnet. Die fünf Werke, die ich heute präsentiere, dokumentieren diesen Prozess. In diesen Arbeiten verbinde ich meine Erfahrungen als Aktivist, als Vater, als Mythologie- und Comic-Nerd, als Kämpfer und als posttraumatischer Veteran. Meine Zeichnungen sind meine Form der Selbsterforschung – um mich auszudrücken, zu definieren und zu heilen.“

Navot Gil, »Icarus«, Marker auf Pergamentpapier. Foto: privat

Navot Gil, »The Four Horsemen«, Marker auf Pergamentpapier. Foto: Tim Albrecht/HFBK

»The Four Horsemen« entstand im Kontext der Massenproteste gegen den Justizumbau der Netanjahu- Regierung seit Ende 2022, bei denen Navot Gil vor Ort Skizzen und Videos anfertigte. Das Bild konzentriert sich auf die unmittelbare körperliche Bedrohung durch die Polizeireiterstaffel und übersetzt Angst und Widerstand in eine radikal taktile Bildsprache – vom Geruch der Pferde bis zum bearbeiteten Leder, den Masken, Stiefeln, Sporen und Knüppeln. Die extrem feinen Markerlinien auf Pergamentfunktionieren dabei wie Gravuren oder Kratzspuren, um diese Gefühle dauerhaft einzuschreiben.

David Engelmann über sich: “ Mein Name ist David Engelman, und ich bin ein israelisch-brasilianischer figurativer Maler. Ich wurde in Curitiba, einer Stadt im Süden Brasiliens, geboren und habe an der Musik- und Kunsthochschule von Paraná meinen Abschluss gemacht. Heute lebe ich in Haifa, und dies ist mein zweites Jahr im Masterstudiengang Bildende Kunst an der Universität Haifa. Meine Forschung beschäftigt sich mit der Entstehung von Gemälden, die mehrere Erzählstränge zugleich enthalten. In diesen Arbeiten versuche ich, die Übergänge zwischen Narrativen und Szenen nachzuahmen, wie sie im visuellen Strom des Bewusstseins auftreten. Wenn wir etwa träumen, wechseln Erzählungen und Szenen so fließend und natürlich, dass wir diese Übergänge kaum wahrnehmen. Gerade dieser visuelle Moment, in dem eine Erzählung eine andere berührt, ist das, was ich zu simulieren versuche.

Dieses Ölgemälde trägt den Titel »Fast zwei Jahre im Krieg«.

David Engelman, »Almost Two Years at War«, Öl auf Leinwand. Foto: privat

Ich begann damit wenige Tage vor dem Ausbruch des Krieges mit Iran und vollendete es während des Krieges. Ich malte in den kurzen Pausen zwischen den iranischen Angriffen. Ausgangspunkt waren zwei Elemente: ein öffentlicher Schutzraum und ein Komodowaran. Der Schutzraum befindet sich nahe meinem ehemaligen Arbeitsplatz und diente mir unzählige Male als Zuflucht während der intensiven Raketen- und Drohnenangriffe, die die Hisbollah im Jahr 2024 aus dem Libanon heraus verübte. Der Komodowaran ist das größte giftige Tier der Welt. Wenn er große Tiere wie Büffel jagt, beißt er sie, infiziert sie mit seinem Gift und verfolgt sie dann tagelang, bis sie langsam sterben – oder so geschwächt sind, dass sie sich nicht mehr wehren können. Dann frisst er sie bei lebendigem Leib. Als ich das Gemälde begann, wusste ich nicht, was ich als Hintergrund malen sollte – bis eine ballistische Rakete, die Iran abgefeuert hatte, in meiner Straße einschlug. Sie landete etwa zweihundert bis dreihundert Meter von meinem Haus entfernt. Der Hintergrund basiert auf einem Foto meiner Straße. Für mich liegt der bedeutendste Aspekt dieses Bildes jedoch nicht im Sichtbaren. Nach einem der iranischen Angriffe kamen meine Frau, mein Sohn und ich nach Hause zurück. Ich malte gerade, völlig vertieft, als ich zur Seite blickte und meine Frau und meinen Sohn sah, wie sie zu einem Lied der Beatles sangen und tanzten. In diesem Moment fühlte ich tiefe Ruhe und Dankbarkeit. Dieses Gefühl – und der Gedanke, dass man versuchte, uns zu töten, während wir das Leben feierten – wird mich mein Leben lang begleiten.

2024 Schües Art Prize Gewinnerin: Maia Shiran mit Cedar Tree

Das Kunstwerk der Schües Art Prize Gewinnerin 2024 Maia Shiran: »Cedar Tree« (100 x 80 cm, Öl und zerkleinerter Stein auf Leinwand). Foto: Maia Shiran

Auf das Sujet war die Künstlerin bei einem Besuch in Griechenland aufmerksam geworden und hatte es daraufhin wiederholt abgebildet, zunächst in schnellen Skizzen und Zeichnungen, später auf großformatigen Leinwänden. Sie stellte den Baum nicht nur dar, sondern dekonstruierte ihn, um ihn daraufhin imaginär neu zusammenzusetzen. »Ich versuche so, etwas völlig Neues über den Gegenstand meiner Beobachtungen, über die Welt und – meistens – über mich selbst zu erfahren«, erklärt sie.

Seit diesem Jahr ist Maia Shiran im Masterstudiengang Bildende Kunst an der Universität Haifa eingeschrieben, zuvor hatte sie in einem Erststudium Politikwissenschaften und Journalismus studiert, ein erfolgreiches Startup für Online-Marketing sowie eine Grundschule gegründet und Meisterkurse und Mentoring- Programme bei den Kunstschaffenden David Nipo, Ilya Gefter, Ran Tenenbaum, Guy Avital, Dr. Axel Ewald und Maya Cohen-Levy besucht. Komplexe Texturen Oft konzentrieren ihre Gemälde
sich auf die Darstellung von Landschaftsformationen, ständig, sagt sie, sei sie auf der Suche nach einer inneren Verbindung zwischen Natur und Kunst. Ihr künstlerisches Interesse gilt jedoch nicht ausschließlich der Landschaft in traditioneller Form. So weicht auch der Zedernbaum komplexen Formen. »Diese Formen werden zu einem Raum und einer Struktur und zu meinem Hauptaugenmerk während des Malprozesses«, so die Künstlerin. »Es sind die Beziehungen, die zwischen den verschiedenen
Elementen, die diesen Raum und diese Struktur bilden, entstehen, die eine kontinuierliche Entwicklung der Bilder ermöglichen. « Dabei spielt das Arbeiten in mehreren Schichten und mit verschiedenen Texturen eine wichtige Rolle in ihrem kreativen Prozess.

Beim Zedernbaum und in weiteren jüngsten Gemälden hat sie beispielsweise neben Ölfarben auch zerkleinerte und gemahlene Steine und Sand mitverarbeitet. Über das rein Visuelle hinaus »In einem langsamen und intensiven Prozess, der von den Widersprüchen ausgeht, die letztlich die Eckpfeiler unserer irdischen Existenz sind – Licht und Dunkelheit, Leben und Tod, Liebe und Angst –, versuche ich, den Erscheinungen, die in den Elementen der natürlichen Welt verwurzelt sind, eine Form zu
geben. In Verbindung mit meinen Lebenserfahrungen reicht diese über die physischen Wahrnehmungen hinaus in andere Bereiche und Dimensionen.«

Maia Shiran (2.v.l.) mit Sharon Poliakine (l.), Sonja Lahnstein (2.v.r.) und Künstlerin Julia Aroson Anfang Juni in Haifa. Aroson wurde für das Jahr 2023 für ihr Werk »Diada« ausgezeichnet.

Der Stiftungsvorstand wählte die Preisträgerinnen und ihre Werke für die Jahre 2023 und 2024 mit jeweils 5.000 € Preisgeld aufgrund der schwierigen Sicherheitslage vor Ort per Zoom aus Hamburg.

2023 Schües Art Prize Gewinnerin: Julia Aroson mit Diada

2022 Schües Art Prize Gewinnerin: Naomi Mendel mit Lettuce

Naomi Mendel (Mitte) mit Christa und Nikolaus Schües vor ihrem Werk »Lettuce«; Fotos: Michal Golan

Dank der Kunststiftung Christa und Nikolaus Schües fördert ein neues Projekt junge Nachwuchskünstlerinnen und- künstler aus Haifa. Die Idee für ihr Engagement kam dem Ehepaar Schües nach ihrem ersten Besuch an der Hochschule. »Wir hatten die Universität Haifa 2010 das erste Mal besucht und waren stark beeindruckt. Dann hatten wir uns Gedanken gemacht, auf welchem Weg wir auch diese Universität unterstützen könnten «, erinnert sich Nikolaus W. Schües. »Da wir seit vielen Jahren junge Künstlerinnen und Künstler der Hochschule für bildende Künste Hamburg mit unserer Stiftung fördern, war es für uns naheliegend, dieses Format bei unserem neuerlichen Besuch 2022 auch in Haifa zu starten.«
Dafür wurden im Vorfeld sechs vielversprechende Kunststudierende ausgewählt, die ihre bildnerischen Arbeiten im Juni vor Vorstands- und Kuratoriumsmitgliedern der Stiftung Schües präsentierten. Diese begutachteten im Anschluss die Werke und wählten ein Siegerbild aus: »Lettuce« von Naomi Mendel.

Es ging zu dem festgelegten Preis von 6.500 Euro in die Sammlung Schües über. Die 1981 in Jerusalem geborene Naomi Mendel studierte an der Bezalel Academy of Arts and Design in Jerusalem und der Hogeschool voor de Kunsten Utrecht in den Niederlanden. Derzeit studiert sie im Master of Fine Art-Programm der Universität Haifa. Ihre Arbeiten hat die Künstlerin bereits in zahlreichen Gruppen- und Einzelausstellungen in Israel, Europa und den USA gezeigt, Werke von ihr sind in Sammlungen in Israel und weltweit vertreten.

»Ich fühle mich geehrt und bin begeistert, den Preis zu erhalten, und möchte meine Dankbarkeit für diese Unterstützung zum Ausdruck bringen, die mich bestärkt und ermutigt«, so Naomi Mendel. »Eine Auszeichnung wie diese ist ein Meilenstein in der Karriere einer jeden Künstlerin, der ihrer Kunst Anerkennung verschafft und es ihr finanziell ermöglicht, ihre Arbeit weiter voranzutreiben. Diese Auszeichnung erlaubt es mir, weiter zu studieren, zu forschen und meine künstlerische Praxis weiterzuentwickeln. Sie gibt mir einen Schub an Inspiration, um als Künstlerin weiter voranzukommen.« Weil das Projekt auf allen Seiten so gut ankam, wird es im nächsten Jahr seine Fortsetzung finden.