Bucerius Institut
Fachtagung am Bucerius Center
Remigration
Sie gehören zu den einflussreichsten deutschen Sozialphilosophen des 20. Jahrhunderts: Hannah Arendt und Theodor W. Adorno analysierten und kommentierten die deutsche Gesellschaft nach dem Holocaust. Die beiden Wissenschaftler gehören zu den Juden, die nach dem Krieg wieder nach Deutschland zurückkehrten.
Von 500.000 deutschsprachigen Emigranten, die vor der Verfolgung durch das Nazi-Regime ins Ausland geflohen waren, kamen 30.000 zurück nach Deutschland. Einige der Remigranten machten Karriere in der Bundesrepublik. So brachte es Herbert Weichmann zum ersten Bürgermeister Hamburgs und Hans Habe, Hans Wallenberg und Ernst Cramer wurden einflussreiche Journalisten. Die Gründe für die Rückehr sind vielfältig. Oft war die Remigration eine Folge der gescheiterten Eingewöhnung in fremde Länder. Für die Mehrzahl war die Remigration jedoch psychologisch hochgradig kompliziert. Sie kamen zurück in die alte »Heimat«, die doch zum Land ihrer schlimmsten Verfolgung geworden war. Die Verdrängung der Nazigräuel durch große Teile der Bevölkerung belastete die Rückkehr. Vor allem die großen Städte, in denen es sich anonymer leben ließ, wurden darum zur neuen Heimat der Rückkehrer. Auf staatlicher Ebene sorgten die so genannten Wiedergutmachungszahlungen und Eingliederungshilfen, die die deutsche Regierung ab den 50er Jahren zahlte, für Konfliktstoff. Israel versuchte die Abwanderung von Juden zu unterbinden, indem es mit dem Entzug der Staatsbürgerschaft drohte, sollte sich jemand länger in Deutschland aufhalten. Die Remigranten wurden instrumentalisiert. Deutschland sah in ihnen eine Art Rehabilitation, die ihnen bei der Rückkehr in die Staatengemeinschaft helfen konnte. Israel betrachtete sie als Bedrohung, denn einige Remigranten wanderten aus dem jungen Staat Israel wieder zurück nach Deutschland.
Die Remigration von Juden ins Nachkriegsdeutschland wurde lange Zeit verdrängt, doch ist sie heute zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung geworden. An der Universität Haifa diskutierten Anfang Juni Wissenschaftler aus Deutschland, Israel und Großbritannien über verschiedene Aspekte dieses neuen Forschungsgebietes. Das »Institute for Research of Contemporary German History and Society« an der Universität Haifa veranstaltete in Kooperation mit dem »Leo Baeck Institute« London die Fachkonferenz.
Der »zweite Schock«
In zwei gut besuchten Vortrags- und Diskussionsrunden und in Anwesenheit des Konsuls der deutschen Botschaft in Tel Aviv, Dr. Peer Gebauer, widmeten sich die Wissenschaftler vielen Facetten dieses Themas. Die einzelnen Beiträge drehten sich etwa um die Rolle der Wiedergutmachung im Prozess der Remigration sowie die Rolle der Remigranten bei der politischen, gesellschaftlichen, rechtsstaatlichen und geistigen Formierung der neuen Staaten in Ost und West.
Desillusion durch die Realität
Als Beispiele für die Remigration von Intellektuellen wurden die Historiker Hans Rothfels und Hans Rosenberg, der Politologe Ernst Fraenkel sowie Theodor W. Adorno und Hannah Arendt analysiert.
Ein besonderes Licht auf die Beziehung zwischen den jüdischen Re-Migranten und dem Deutschland nach 1945 wirft, dass Adorno, der wieder in Frankfurt lebte, und Arendt, die nur zu Besuchen kam, beide von großen politischen Hoffnungen für das Deutschland der Nachkriegszeit erfüllt, durch die Realität aber so nachhaltig desillusioniert waren, dass sich ihre Perzeptionen des Nazismus und des Holocaust signifikant wandelten. Sie selbst beschrieben die Verdrängung der Nazigräuel durch die deutsche Bevölkerung als »zweiten Schock« nach dem Holocaust.
