Professor Lahnstein stellt Universität Haifa als best-practice Beispiel für Verständigung im Nahen Osten im Deutschlandfunk vor
Quelle: Deutschlandradio
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Interview:
Lahnstein warnt vor übereifriger Nahost-Diplomatie
Ex-Minister lobt ägyptische Vermittlungsbemühungen
Manfred Lahnstein im Gespräch mit Birgit Kolkmann
Der ehemalige Bundesminister Manfred Lahnstein hat vor einer übereifrigen Diplomatie im Nahost-Konflikt gewarnt. Bei manchen diplomatischen Bemühungen sei auch viel Hektik dabei, kritisierte Lahnstein.
Birgit Kolkmann: Mehrere israelische Luftangriffe in der Stunde, der Krieg im Gaza-Streifen nimmt an Härte zu und Israel erhöht den Druck auf die Hamas-Milizen, trifft im dicht bevölkerten Gaza-Streifen zwangsläufig auch Zivilisten - Kinder, Frauen, Alte. Fast 1000 Menschen starben in den vergangenen 20 Tagen, mehr als 4000 wurden verletzt. Und alle Bemühungen auch des deutschen Außenministers, wenigstens einen Waffenstillstand für humanitäre Versorgung zu erreichen, sind bislang erfolglos geblieben. Gestern Abend ist Steinmeier wieder in den Nahen Osten geflogen.
Der frühere SPD-Politiker und frühere Bundesminister Manfred Lahnstein engagiert sich seit mehreren Jahrzehnten für die deutsch-israelischen Beziehungen. Er ist als erster Deutscher und Nicht-Jude Vorsitzender des Aufsichtsrats der Universität Haifa. Wir erreichen ihn heute in Hamburg. Schönen guten Morgen, Herr Lahnstein.
Manfred Lahnstein: Guten Morgen, Frau Kolkmann.
Kolkmann: Was glauben Sie? Haben diplomatische Aktivitäten wie die von Steinmeier derzeit eine Chance?
Lahnstein: Wenn sie sehr begrenzt sind, denke ich schon. Hier ist eben das Wort “Frieden” in den Mund genommen worden. Davon sind wir weit weg. Aber wenn es zunächst mal zu einer Waffenruhe und dann zu einem etwas gesicherten, etwas länger andauernden Waffenstillstand kommen würde, dann würden schon viele Opfer vermieden. Und das, denke ich, ist möglich innerhalb der nächsten Wochen.
Kolkmann: Sie haben eben gesagt, wenn es nicht zu viele Aktivitäten sind, wenn sie begrenzt sind. Was meinen Sie damit?
Lahnstein: Man kann in seinen Bemühungen ja auch zu weit greifen. So wie die Dinge sich derzeit ausnehmen, ist nicht sehr viel mehr drin als das, was zum Beispiel die Ägypter zusammen mit den Franzosen, ergänzt durch die letzte Initiative von Herrn Steinmeier - da ging es ja insbesondere um die Unterbindung des Waffenschmuggels nach Gaza -, auf den Tisch gelegt haben. Und das ist schon schwer genug, dies zu erreichen, und sehr viel mehr ist derzeit nicht herauszuholen aus allen Bemühungen.
Kolkmann: Derzeit gibt es ja eine ganze Menge diplomatischer Aktivitäten. Zum Teil mutet das auch etwas hektisch an oder so, dass sich diejenigen, die Protagonisten, da selber profilieren wollen für andere Zwecke. Wie kommt das in Israel selber an, in den Kreisen zum Beispiel in der Universität?
Lahnstein: In der Universität wird ja nicht direkt darüber diskutiert. Aber es ist ganz eindeutig so, dass die Konzentration von Frank-Walter Steinmeier auf dieses Einzelthema, wie unterbinden wir den Waffenschmuggel aus Ägypten in den Gaza-Streifen hinein, in Israel außerordentlich positiv aufgenommen worden ist. Ich habe nicht den Eindruck, dass das bei allen Besuchen in gleichem Umfang der Fall ist; da ist in der Tat dann auch manchmal ich will nicht sagen Tourismus, aber da ist manchmal auch ein bisschen Hektik zumindest dabei. Nun haben sich die Israelis, auch die an der Universität in Haifa, an ähnliche Dinge ja gewöhnen müssen über die letzten Jahre. Das löst da keine Riesen-Debatten aus.
Kolkmann: Nun wird ja gerade Deutschland, auch Steinmeier, von arabischer Seite vorgeworfen, viel zu einseitig die Position Israels übernehmen zu würden. Stimmt das nicht auch ein bisschen?
Lahnstein: Nein, das stimmt überhaupt nicht. Die Bundesregierung, übrigens alle Bundesregierungen haben in diesen und ähnlichen Konflikten immer eine ganz klare Position bezogen. Der Vorwurf entbehrt jeder Grundlage.
Kolkmann: An der Universität in Haifa gibt es, glaube ich, eine ganze Reihe von Beispielen israelisch-arabischer Zusammenarbeit, die sehr gut funktionieren soll. Können Sie uns darüber mehr erzählen?
Lahnstein: Ja, gut. Es gibt ja israelische Araber, und nicht zu wenige. Wir haben an der Universität Haifa ungefähr 20 Prozent arabische Studentinnen und Studenten. Oder mit anderen Worten: Jeden Tag auf dem Campus sind eben auch bis zu 3500 arabische Studentinnen und Studenten, und die müssen nun zusammenleben und leben zusammen und studieren zusammen, tun dies übrigens auch in den letzten Tagen ohne erkennbare größere Spannungen.
Was nun Beispiele der besonderen Zusammenarbeit angeht, so bemühen sich beide Seiten ja auch, die Nachteile, die die eine und die andere Seite hat, ein bisschen zu beseitigen. Bei den arabischen Studenten sind das insbesondere Sprachkenntnisse, die fehlen, auch soziale Probleme, die gegeben sind, und dann muss man ihnen besonders unter die Arme greifen, und da versuchen wir aus Deutschland auch ein bisschen dabei zu helfen. Also es geht auch anders, natürlich nicht spannungsfrei. Haifa ist ja kein Paradies. Aber es muss nicht immer zu solchen Zuspitzungen kommen wie woanders.
Kolkmann: Nun lernt ja da die Elite für die Zukunft. Was kann denn von den positiven Erfahrungen, von denen Sie nun berichten, auf die Friedensbemühungen übertragen werden?
Lahnstein: Der Oslo-Prozess ist seinerzeit sehr befördert worden durch theoretische Papiere, politische, strategische Papiere, die in Haifa ausgearbeitet worden sind. Aber das ist dann eher eine Zufälligkeit. Ich denke, wenn die Politik sich an den praktischen Möglichkeiten, wie sie in Haifa exerziert werden jeden Tag, ein positives Beispiel nähme, dann wäre schon viel erreicht, aber das ist leider im Nahen Osten längst nicht überall so.
Kolkmann: Ist es vielmehr sehr stark und beinahe übermächtig, was sich an neuem Hass, an neuer Gewalt aufbaut, auch durch den Krieg jetzt?
Lahnstein: Ich würde nicht so weit gehen, aber die Entwicklung der letzten Wochen, die trägt natürlich nicht zur Harmonie bei. Da ist sehr viel Disziplin notwendig. Ich würde nicht von Hass sprechen, und zwar von beiden Seiten nicht, aber die Entfremdung wird größer. Man schottet sich dann auch etwas deutlicher voneinander ab und das braucht dann auch wieder eine ganze Zeit zwischen diesen Konfliktzuspitzungen, bis sich das einigermaßen wieder normalisiert. Das ist auch trauriger Alltag, aber auch mit dem muss man fertig werden.
Kolkmann: Wenn Sie sagen, Sie würden nicht von Hass reden, dann beziehen Sie sich damit auf die “ganz normalen Menschen”, also nicht die Aktivisten.
Lahnstein: Ich beziehe mich jetzt nicht nur auf die Studenten; Ich beziehe mich auf die ganz normalen Menschen. Dafür gibt es nun jeden Tag im Alltagsleben nicht nur in Haifa, sondern auch an anderen Stellen in Israel, wo jüdische und arabische Israelis zusammenleben, ausreichend Beispiele. Da ist von Ausnahmen abgesehen, Fundamentalisten oder anderen Verrückten, da ist kein Hass zu spüren. Da ist auch gegenseitige Hochachtung, da ist auch Mitleid zu spüren, aber eben auch die ganz ernüchternde Einsicht, dass es die Verhältnisse derzeit nicht erlauben, zu irgendeinem vernünftigen “Kiwiv” zwischen Israelis und Palästinensern jetzt außerhalb des israelischen Staatsgebietes zu kommen.
Kolkmann: Vielen Dank. - Manfred Lahnstein, der frühere Bundesminister von der SPD und Vorsitzende des Aufsichtsrates der Universität Haifa, im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur. Danke dafür!
Lahnstein: Danke Ihnen, Frau Kolkmann.
Interview Deutsche Welle aus Anlaß des Besuches von Bundesministerin, Prof. Schavan, in Israel
Anläßlich des Besuches der Bundesministerin Prof. Schavan in Israel wurde ein Interview von der Deutschen Welle mit Frau Lahnstein geführt.
Das Interview kann als MP3 Datei in dem Bereich “Uni Haifa in den Medien” angehört werden.
(Zum herunterladen der Datei bitte mit der rechten Maustaste auf den Link klicken und dann “speichern unter…” auswählen).
Hier finden sie die original Veröffentlichung auf der Internetseite der Deutschen Welle.
Werner-Otto-Graduate-Programm: 77 Stipendiatinnen in sechs Jahren
Hamburg, September 2007. Auf sechs erfolgreiche Jahre blickt das Werner-Otto-Graduate-Programm des Deutschen Fördererkreises zurück: 77 begabte und engagierte arabische Studentinnen wurden seit 2001 mit dem Stipendium des Programms gefördert. Mit der finanziellen Unterstützung können sie ohne Druck ihr Graduate- oder Postgraduate-Studium beenden.
Die Stipendiatinnen zeichnen sich neben brillanten studentischen Leistungen durch großes gesellschaftliches Engagement aus. Dr. Faisal Azaiza, Leiter des Jüdisch-Arabischen-Zentrums der Universität Haifa: »Die Stipendiatinnen sind hervorragende Studentinnen aus verschiedenen Fachgebieten der Universität Haifa. Sie widmen sich darüber hinaus sozialen und erzieherischen Aktivitäten in ihren Heimatgemeinden, sind Anwälte für die Menschenrechte, die Frauenrechte und weitere wichtige Themen. Wir hoffen, dass die Stipendien ihnen helfen, sich akademisch auszuzeichnen und zu Führungspersönlichkeiten heranzureifen.« Das Jüdisch-Arabische-Zentrum der Universität Haifa ist Partner des Deutschen Fördererkreises bei der Auswahl der Stipendiatinnen.
Jedes Jahr gehen mehr Bewerbungen von begabten, hoch motivierten und erfolgreichen Studentinnen ein, sodass die Auswahl stetig schwieriger wird. Bewarben sich anfangs vor allem Studentinnen der Erziehungswissenschaften, ist nun eine steigende Zahl von Studentinnen anderer Fachrichtungen wie Jura, Soziologie, Evolutionsbiologie oder Kunst unter den Bewerberinnen. Darin spiegelt sich die Vielfalt der Interessen und Begabungen junger arabischer Frauen in Israel, aber auch ihre fortschreitende Emanzipation, wider.
Die Stipendiatinnen des Werner-Otto-Graduate-Programms kommen aus verschiedenen religiösen und ethnischen Gruppierungen. Es sind Drusinnen, Christinnen und Musliminnen darunter. Sonja Lahnstein-Kandel, Vorsitzende des Deutschen Fördererkreises: »Für die Studentinnen bedeutet es sehr viel, dass die Unterstützung aus Deutschland kommt. Es ist ein Zeichen echter Freundschaft mit der Universität Haifa, wenn Angehörige der ethnischen Minderheiten zum akademischen und beruflichen Erfolg ermutigt werden, sodass jeder, egal ob Angehöriger einer Mehrheit oder Minderheit, von ihrer Begabung und ihrem Wissen profitiert.«
